Alltagsbeobachtung: Die Toilettenfrau

Trinkgeld ist die Antwort auf unaufgefordert Anerkennung und Wertschätzung unserer Person gegenüber. Die Beziehungstechniken der Dienstleister/innen regulieren den Beziehungsaufbau zu den Kunden und damit auch die Höhe ihres Trinkgeldes. Es sind im Leben demnach die kleinen Gesten, die uns ein positives Gefühl bescheren und den Verbindungen zu unserer Umwelt Gewicht verleihen.

Schon vorn am Anfang des Ganges zeigt ein Piktogramm den Weg, rechts geht es zu den Damen-, links zu den Herrentoiletten. Das gleiche Piktogramm hängt jeweils wieder im Rahmen der Tür zur Damen- und zur Herrentoilette. Auch der kleine Tisch mit dem obligatorischen Trinkgeldteller für die Toilettenfrau fehlt nicht – offensichtlich steht er im Gang. Indem sie alle Münzen gleich entfernt und nur zwei Ein-Euro-Münzen und drei 50-Cent-Münzen liegen lässt, gibt sie eine unverbindliche Preisempfehlung. Die Mehrzahl der Münzen deutet das Gewöhnliche an, also dass es keine Einzelfälle sind, die fünfzig Cent oder gar einen Euro geben. Die zur Schau gestellten Münzen liegen nämlich immer leicht über dem durchschnittlich gegebenen Betrag für die Toilettennutzung. Die Toilettenfrau steht im Gang, sie nimmt Blickkontakt auf, grüßt uns und sagt mit freundlichem Kopfnicken in die entsprechende Richtung "Herren, links bitte". Man nickt und die Dinge gehen ihren gewöhnlichen Gang.

Warum weist sie uns auf das Offensichtliche hin, auf die Lage der Toiletten, die immerhin durch zwei große Piktogramme verdeutlicht wird und durch Männer, die aus der linken und Frauen, die aus der rechten Tür kommen?

Die Toilettenfrau erbringt mit dem Hinweis eine Dienstleistung für uns, für die sie später eine Entlohnung geltend machen kann. Indem sie uns einen Dienst erweist, den wir noch nicht einmal ablehnen können, untermauert sie ihren Anspruch auf Münzen im Trinkgeldteller. Dadurch verlieren die Münzen ein Stück weit den Charakter des Trinkgeldes und werden in gleichem Maße zu einer Entlohnung.

Trinkgelder werden freiwillig gegeben für eine Aufmerksamkeit uns gegenüber und für ein Interesse an unserer Person über das berechtigterweise verwertbare Maß an Aufmerksamkeit und Interesse hinaus - z.B. für einen besonders aufmerksamen Service im Restaurant. Wir geben also eine Belohnung für eine Leistung, zu der der Kellner nicht verpflichtet ist. Mit unserem Trinkgeld erkennen wir an, was er freiwillig an Aufmerksamkeit und Interesse in unsere Person investiert hat – und zwar ohne auf unser Trinkgeld zu hoffen. Erkennen wir dennoch solche Anzeichen, wird das Trinkgeld ungern gegeben, kleiner ausfallen oder gar ganz versagt, weil "er doch nur unser Trinkgeld" wollte. Wir honorieren die Beziehung, die der Kellner zu uns aufgebaut hat und den Komfort, den er uns bereitete. Obwohl er dazu nicht verpflichtet war, tat er es und zwar ohne nach dem Trinkgeld zu schielen. Er tat es aus Interesse an unserer Person. Dann gibt man natürlich gern - im Rahmen des Üblichen.

Sie muss zu schnell wirkenden Techniken greifen.

Zurück zur Toilettenfrau. Ihr Problem ist, dass sie nur wenig Zeit und Möglichkeit hat eine Beziehung aufzubauen, ihr Interesse an unserer Person zu artikulieren. Sie muss zu schnell wirkenden Techniken greifen. Sie macht etwas Paradoxes, was aber dennoch das einzig Sinnvolle ist, ihren Anspruch auf Trinkgeld zu untermauern – sie ignoriert, dass wir durch die Piktogramme wahrscheinlich schon informiert sind und wählt dagegen das Medium der persönlichen Mitteilung. Sie spricht uns an, direkt und lächelnd. Sie gibt uns eine Information.

Wie schafft sie es, dass man als Kunde gern gibt?

Wenn wir als Toilettenbenutzer - meistens noch in einer gewissen Verlegenheit und immer in einer natürlichen Eile - kein Preisschild für die Toilettennutzung sehen, wissen wir dass unsere Toilettennutzung anders finanziert wird. Zum Beispiel als Serviceangebot an die Kunden des Kaufhauses. Womit verdient sich also die Toilettenfrau ihr Trinkgeld? Sie kann uns drängen, oder es doch versuchen, indem sie den Ausgang umlauert und sich ein wenig in den Weg schiebt, so dass zahlungsunwillige Besucher sich körperlich genötigt fühlen können. Sie kann natürlich auch beim Verlassen des Etablissements durch einen fordernden Blickkontakt Trinkgeld erzwingen wollen. Diese und ähnliche Techniken hinterlassen ein schales Gefühl beim Besucher. Unsere Toilettenfrau dagegen zeigt mit Könnerschaft, wie es geht, dass man als Kunde gern gibt: sie baut am Anfang durch den lächelnden Blickkontakt eine positive Beziehung auf und dann tut sie etwas für uns. Sie macht es ganz freiwillig, niemand zwingt sie dazu und wir dürfen es von ihr berechtigterweise als Toilettenbenutzer gar nicht erwarten. Sie weist uns persönlich nämlich die Richtung und das in einer Situation, in der der kürzeste Weg der einzig richtige ist. Das tut sie mit Aufmerksamkeit für uns und Interesse an unserer Person.

Damit hatte sie sich ihr Trinkgeld verdient: Bei unserem Verlassen des Etablissements steht mit sie dem Rücken zum Trinkgeldteller und beschäftigte sich mit irgendetwas Wichtigem. Beim Klang der Münzen - vierzig Cent - dreht sie sich um und strahlt einen Abschiedsgruß. Dann nimmt sie sie beiden neuen Münzen und steckt sie in ihre Kitteltasche.

Was bleibt?

Trinkgeld ist die Antwort auf unaufgefordert Anerkennung und Wertschätzung unserer Person gegenüber. Die Beziehungstechniken der Dienstleister/innen regulieren den Beziehungsaufbau zu den Kunden und damit auch die Höhe ihres Trinkgeldes. Es sind im Leben demnach die kleinen Gesten, die uns ein positives Gefühl bescheren und den Verbindungen zu unserer Umwelt Gewicht verleihen.

 
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