Beziehungssignal Visitenkarte

Visitenkarten sind auch im Zeitalter von Social Media immernoch nicht wegzudenken. Neben den sachlichen Informationen, dich ich über mich in Umlauf bringen möchte, ist es ein Vertrauensbeweis - der Kontakt zu dir lohnt sich.

Haben Sie eine Visitenkarte? Falls ja, freuen Sie sich, denn von der Aufgabe der Visitenkarte für den Aufbau und für die Nutzung des persönlichen beruflichen Netzwerks handelt dieser Eintrag. Falls Sie noch keine haben, legen Sie sich nach diesem Beitrag vielleicht eine zu.

Social Media Kontakte als Ersatz für die Visitenkarte?

Visitenkarten sind immer noch unverzichtbar für den Aufbau persönlicher und beruflicher Netzwerke. Freundschafts- oder Kontaktanfragen in sozialen Medien sind kein Ersatz dafür. Ihre Website mit einem ordentlichen Impressum ist es auch nicht. Wie sie Ihre Visitenkarte gestalten, lassen wir hier lieber undiskutiert. Das Thema berührt Geschmacksfragen und über die kann man gut streiten. Die „Visitenkarte“, manchmal auch im globalisierten Business-Deutsch folgerichtig „Business Card“ genannt oder einfach auch nur „die/ Ihre Karte“, hat seit je die Aufgabe, andere Menschen mit Basisinformationen über die eigenen Person zu versorgen und zwar mittels eines transportablen Mediums.

Damit ist die Visitenkarte ungemein praktisch: sie erlässt dem Gegenüber eine handschriftliche – vielleicht fehlerhaften Notiz und platziert die Informationen über mich, die ich gern verbreitet sehen möchte: meinen Namen in der korrekten Schreibweise, meine Erreichbarkeit (Adresse, E-Mail usw.), meine Funktion in einem Unternehmen oder in meinem eigenen Unternehmen und noch ein paar weitere Informationen, die man generell als Einordnungskriterien für die gesellschaftliche Position bezeichnen kann. Das sind Angaben über die erreichte Ausbildungsqualifikation („Dr.“), öffentliche Aufgaben („Honorarkonsul von Liechtenstein“) oder Verdienste („Träger des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“). Manchmal findet man noch einen Leitspruch oder ein Motto („Der Zweite ist der Erste von den Letzten“). Neben den praktischen Informationen gibt es also noch die Möglichkeiten wichtige Vorschläge zu machen, wie ich von anderen gesehen werden möchte.

Visitenkarte als Beziehungssignal

Die Informationen über den Menschen in Erfahrung zu bringen, ist schön und sinnvoll – für den Aufbau persönlicher Beziehungsnetzwerke sind sie aber nicht so interessant. Sagen wir es rundheraus: für den Aufbau von persönlichen Beziehungsnetzwerken sind das bestenfalls Rohmaterialien und Ausgangspunkte. Wenn Visitenkarten im Aufbau eines persönlichen Beziehungsnetzwerkes eine Aufgabe haben, und zwar über den Zweck hinaus, Informationsträger zu sein, müssen wir sie anders einsetzen, also sie bloß auszutauschen. Die Situation des Austausches selbst spielt für die Etablierung einer Netzwerk-Beziehung eine wichtige Rolle.

Damit sind hier nicht die Austausch- und Aufmerksamkeitsrituale gemeint, wie sie bekanntermaßen mit ostasiatischen Geschäftsleuten stattfinden. Uns geht es darum, wie wir die Visitenkarte als Beziehungssignal einsetzen können.

Schauen wir uns einen Moment lang an, wie Visitenkarten auf Veranstaltungen, bei Treffen und bei sonstigen Gelegenheiten den Besitzer wechseln. Wir erkennen drei Formen: die ausgeteilte Karte, die aufgedrängte und die erbetene bzw. angebotene Karte.

Sie sind auf einer Veranstaltung mit vielen Ihnen unbekannten Menschen, stehen in der Pause mit zwei oder drei anderen Teilnehmerinnen oder Teilnehmern bei einem Kaffee am Bistrotisch und reden über dies und das – ganz fachlich. Plötzlich bemerkt Ihrer der Gesprächspartner, dass am Nachbartisch Visitenkarten getauscht werden, greift mit den Worten „bevor ich es vergesse“ in seine Anzugtasche und zieht das Etui mit seinen Visitenkarten heraus. Jeder am Tisch bekommt eine hingelegt, jeder revanchiert sich mit der eigenen Karte, gleich wie passend oder unpassend es gerade ist. Hier handelt es sich um ausgeteilte Karten. Für die Entwicklung eines persönlichen Netzwerkes ist dieser Austausch wenig förderlich – sie haben nun Karten einiger anderer Menschen, mehr ist auf diese Weise für die Entwicklung der Beziehung nicht zu holen gewesen.

Es geht allerdings auch ärger: sie fühlen sich im Gespräch unbehaglich, weil ihr Gegenüber Ihnen seine Meinung und vielleicht auch sein Produkt aufschwatzen will. Sie ziehen sich immer mehr zurück, stehen zwar noch am Tisch, sind innerlich, gedanklich und emotional aber schon über alle Berge: „Ja, vielleicht, das müsste man sich einmal später überlegen. Heute kann ich dazu nichts sagen, da sind noch andere beteiligt am Entscheidungsprozess“, soweit vielleicht Ihre schlecht verhohlenen Abwehrversuche. „Kein Problem, hier haben Sie meine Karte – ja doch, nehmen Sie sie ruhig, vielleicht wollen Sie mich ja anrufen.“ Auch wenn Sie jetzt zu sich im Stillen sagen „mit Garantie nicht“, nehmen Sie die Karte. Sie wollen ja nicht unhöflich sein. So oder ähnlich kann man die Sache mit den aufgedrängten Karten erleben. Für das Netzwerk ist mehr als bei der ersten Karte passiert, aber nicht zum Positiven.

Mit der dritten Möglichkeit, der erbetenen oder angebotenen Karte wird sie zum Instrument des Netzwerkens. In dem Moment, in dem Ihnen klar ist, sie möchten das Gespräch fortsetzen und der Kontakt zu der Person ist ihnen jetzt schon wichtig, können Sie nach der Karte fragen.

Von welchem Moment reden wir?

Wir haben es mit einem persönlichen Netzwerk zu beruflichen Zwecken zu tun. Sie finden gemeinsam ein Thema mit dem Gesprächspartner, das in ihrem beruflichen Interessenkreis liegt. Auf dieser Basis schätzen Sie den anderen Menschen als potentiellen Partner in ihrem Netzwerk ein. Der richtige Moment, nach der Karte zu fragen ist dann gekommen, wenn Sie zu der Überzeugung gelangt sind, dass Thema und Gespräch bei der nächsten Gelegenheit fortgesetzt werden sollten.

Mit der Frage nach der Karte signalisieren Sie dem anderen, dass für Sie das Gespräch nicht zufällig oder eine Unterhaltung für kurze Zeit ist, sondern fortgesetzt werden sollte. Sie signalisieren mit der Frage die Bitte um etwas Bleibendes und sehr Persönliches, also um Kontakt. Mit der Bitte um Kontakt räumen Sie der anderen Person einen Vertrauenskredit ein – schließlich vertrauen sie darauf, dass dem anderen auch an der Fortsetzung des Kontaktes gelegen ist.

Eine Variante ist, den Moment zu wählen, an dem Sie sich ziemlich sicher sind, Ihr Gesprächspartner könne auch ein Interesse an der Fortführung des Gesprächs haben. Dann kann die von Ihnen angebotene Visitenkarte zugleich eine Ankündigung sein, das Gespräch fortzusetzen und die Beziehung weiter zu entwickeln.

Was bleibt?

Gerade im Zeitalter von Social Media sind Visitenkarten ein wichtiges Hilfsmittel zur Pflege und zum Ausbau des persönlichen beruflichen Netzwerks. Dabei sind es weniger die auf der Karte ablesbaren Informationen, die für die Beziehungspflege entscheidend sind, als der Moment ihrer Übergabe. Nach einer Karte zu fragen – weil die Person interessant und das Gespräch angenehm ist – das ist Beziehungsarbeit. Während sichtbar die Karten getauscht werden, erfolgt unsichtbar der erste Vertrauensbeweis: Ich zeige, es lohnt sich einen Kontakt zu dir aufzubauen.

 
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