Ein Plädoyer für Kommunikation

Sie werden diese Situationen kennen, man steht auf einer Veranstaltung beisammen, man kennt sich nicht oder nur flüchtig, über das Wetter und die Anreise ist gesprochen, es folgt die Frage nach dem Job. Spätestens nun lernt der Physiotherapeut die Gäste mit den stärksten Verspannungen kennen und der Schreiner, wer dringend einen neuen Schrank braucht. Es kommt nicht selten vor, dass ich – gefragt nach meinem Job einen witzigen Spruch entgegengebracht bekomme: „Ha, dann müssen wir ja aufpassen was wir sagen…“ oder ebenfalls beliebt „Dein armer Mann, der hat es ja auch nicht einfach“. Alle lachen dann und die Situation ist schon wieder vorbei. Was bleibt ist dann eine Art von „Kommunikations-Kater“, das Gefühl irgendwas hat grad nicht gepasst, war es wirklich ein Witz oder schwang etwas Anderes mit und warum war es dann eigentlich so schnell vorbei?

Woher rührt diese Unsicherheit sobald von Kommunikation die Rede ist?

Eins ist klar, beide Fragen sind rhetorisch gestellt und weniger zum Beantworten, eher als Lückenfüller zu verstehen. Ein Lückenfüller, der über etwas hinweg helfen soll, dass vielleicht am ehesten mit dem Begriff der Unsicherheit beschrieben werden kann. Woher rührt diese Unsicherheit sobald von Kommunikation die Rede ist? Fragt man beim vermeintlich Verunsicherten nach, läuft es auf immer ähnliche Inhalte hinaus: wer kommunizieren kann, der kann auch manipulieren, der hat Macht und gewinnt jede Verhandlung, wer sie versteht (Psychologen) kann in Menschen „hineinschauen“ und weiß was sie wirklich denken. Steckt hinter dem Respekt vor Kommunikation also die Sorge, jemand könnte etwas sehen, was er nicht sehen soll?

In einer Zeit, in der sich schon Kinder (oder besser ihre Eltern) in einem Wettstreit um die schnellste und beste Entwicklung kämpfen, sind alle darauf bedacht ihr Selbst in einem möglichst glänzenden und fleckenfreien Bild zu präsentieren. Problem sind lediglich Herausforderungen, die nur richtig angegangen werden müssen oder einen Projektplan benötigen. Die Echtheit von Persönlichkeiten mit Verstand UND Emotionen ist einer anscheinenden Versachlichung gewichen, die Reibungen reduzieren soll und Sicherheit verspricht.

Emotionen scheinen unkontrollierbar, das ist schlecht.

Also putzt man sich raus, versteckt Persönlichkeitseigenschaften, die den Erwartungen der Gesellschaft vermeintlich nicht entsprechen und nutzt was dafür? Kommunikationstechniken. Der eine beherrscht eine eloquente Sprache – hochgestochen und unverständlich, der andere spricht von „wir“ und „du“ und ein dritter lenkt einfach immer auf Themen, in denen er sich auskennt. Alles aus der Angst heraus, dass „wahre“ Ich könnte entdeckt werden. Die Folge sind emotionsschwache und „unechte“ zwischenmenschliche Beziehungen, in denen die einen zu „laut“ reden (um etwas zu verstecken) und andere gar nicht erst reden, weil sie fürchten ihr Wort wäre falsch. Die Emotionen finden dann ihren Weg in Form von Verspannungen, Kreislauferkrankungen oder Ernährungsstörungen.

Wenn ich mir bewusst mache, dass meine Umgebung wahrscheinlich ähnlich stark damit beschäftigt ist, seine eigene Fassade aufrecht zu erhalten entspannt mich das. Schließlich wird er dann – während ich spreche – eher bei sich sein, seinen nächsten Schritt planen und mich gar nicht so streng beobachten, wie ich es wahrnehme. Vielleicht kann man sogar so weit gehen und die Vermutung aufstellen, dass es nicht die anderen sind, die uns streng bewerten, sondern wir selbst. Schließen wir von uns auf andere und projizieren unsere Erwartungen und Wahrnehmungen auf unsere Umwelt?

Vielleicht sagen Sie jetzt, dass es schier unmöglich ist diesen Kreislauf zu durchbrechen, sind doch die Rivalitätskämpfe im Job realer Alltag. Wir widersprechen Ihnen (erst einmal) nicht, fragen aber: Sind sie zufrieden?

Was bleibt?

Weil Kommunikation und die Beschäftigung damit, gleich ob wir etwas darüber lesen oder in einem Training sitzen, auch immer Beschäftigung mit uns selbst ist, verbraucht sie Energie. Diese Kraftanstrengungen lohnen sich, wenn Emotionen nicht nur freigesetzt, sondern auch versprachlicht werden. Wenn Gespräche Schritt für Schritt „ehrlich“ werden und Beziehungen damit an Qualität gewinnen. Keine Frage das Thema ist vielschichtiger, als es der Text zu lässt, Stück für Stück wollen wir zeigen, wenn wir selbst nicht so streng zu uns sind, dann kann uns auch keiner ertappen und dann brauch ich auf der nächsten Veranstaltung keinen Respekt vor angeblichen „Fachleuten“ haben. Denn am ehesten sind die auch mit sich selbst beschäftigt.

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