Gleichberechtigung braucht keine Argumente

Nach einer kleinen Sommerpause folgt heute der dritte Teil unserer Mini-Serie "Gleichberechtigung": Warum wir der Überzeugung sind, dass Gleichberechtigung erst dann Normalität ist, wenn wir nicht mehr gezwungen sind Argumente für sie zu finden.  (1. Artikel und 2. Artikel der "Mini-Reihe" findet ihr hier) Über Selbstverständlichkeiten brauchen wir nicht zu argumentieren, das hält nur auf. Wir müssen keine Argumente finden, warum es richtig ist, ein ins Eis eingebrochene Kind zu retten. Wir müssen auch nicht argumentieren, warum dieses kleine Kind einen ertrinkenden dicken Mann nicht retten kann. Es gibt Selbstverständlichkeiten, die außerhalb jeder Diskussion stehen und die zu erfüllen, kein Verdienst ist. Das erfuhr auch Heinrich Heine, der als junger Frechdachs den alten Philosophen Hegel mit der Frage provozierte, ob es nicht einen Himmel gäbe, in dem die Tugenden belohnt würden. Hegel fragte zurück, ob er eine Belohnung wolle, er sagte „Trinkgeld“, dass Heine seine alte Mutter pflege und seinen Bruder nicht vergifte. Selbstverständlichkeiten eben.

Wenn wir argumentieren, dann weil Selbstverständlichkeiten nicht für alle Diskutanten selbstverständlich sind.

Brauchen wir ein Argument, dass erkennen wir in der Diskussion immerhin die Möglichkeit an, es könne berechtigterweise anders sein als von uns behauptet. Argumente für das Verbot des Diebstahls haben nur dann ihre Berechtigung, wenn sich Situation denken und vorstellen lassen, in denen ein Diebstahl zumindest in die erwägenswerte Nähe einer Rechtfertigung kommen könnte. Tatsächlich ist da ja zum Beispiel beim Mundraub der Fall oder dann, wenn reichen Zeitgenossen als Akt kompensatorischer Gerechtigkeit vom Reichtum genommen wird. Figuren wie Robin Hood setzen dann in die Tat um, was an guten Argumenten nicht gelang. Wird dieser Gedanke auf die Gleichberechtigung der Geschlechter übertragen, liegt in der Argumentation für die Gleichberechtigung das stille Eingeständnis, es könnte Argumente für die Ungleichberechtigung geben. Argumente sind nur dann als Argumente ernst zu nehmen, wenn sie Konsequenzen hervorrufen können. Das macht die Sache kompliziert.

Wenn Selbstverständlichkeiten selbstverständlich Schaden anrichten

Das stärkste Argument für die Ungleichberechtigung ist der Zwang, der Gleichberechtigung verhindert und die Ungleichheit dauerhaft macht. Wird Macht ausgespielt und Zwang angewandt, kann ein Argument eine wirksame Guerillataktik sein. Heute nennt man solche Formen der Auseinandersetzung eine asymmetrische Kriegsführung. Der Clou bei dieser Strategie ist, dem Gegner nicht auf gleiche Weise zu begegnen, sondern ihm auf Gebieten zu locken, in denen seine echten oder vorgeblichen Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt werden. Einige dieser Selbstverständlichkeiten sind z.B. die Behauptungen von Machthabern, im Besitz höher legitimierter Interessen und Einsichten in Wahrheit zum Wohle aller oder vieler zu handeln, in dem z.B. ein berechtigter und jetzt gestörter Zustand wieder hergestellt wird. Auf der Seite der Argumentierenden kann hier die Frage gestellt werden, was oder wodurch die Machtausübung denn legitimiert sei. Im Sinne einer asymmetrischen Kriegsführung ist diese Frage natürlich perfide, weil Sie stillschweigend die Zustimmung zum Handeln des anderen Machthabers annonciert, wenn denn erst einmal die Legitimation verständlich und einsichtig gemacht wird. Solange also Frauen in der Gesellschaft eine Benachteiligung erleben müssen, weil eine männlich dominierte Gesellschaft Frausein zwanghaft und durch die Ausübung von Zwang (auch wenn die Regeln dafür sich als Gesetze tarnen), diskriminieren, solange ein solcher Zustand herrscht, sind Argumente für die Gleichberechtigung notwendig und sinnvoll. Die Argumente haben zwei Ebenen: die analytische, die fragt, wie Diskriminierung funktioniert, und die visionäre, die nachsinnt, wie Gleichberechtigung gelebt werden kann. Das analytische Fragen ist wichtig, um die Machtausübung vollständig aufzudecken, die Vision gibt Ziele vor und bestimmt Richtungen des Handelns. In dem Moment der tatsächlich hergestellten Gleichberechtigung sind Argumente überflüssig geworden: die Arbeit der Analyse von Ungleichberechtigung kann den Historikern übertragen werden und aus der Vision sind Handlungsspielräume geworden, über die man sich verständigen kann. Solange also noch Argumente notwendig sind, ist Gleichberechtigung nicht wirklich gegeben. Aktuell sind Argumente notwendig und die asymmetrische Kriegsführung geht weiter. Prognosen über den weiteren Verlauf lassen sich nicht abgeben, aber solange noch durch z.B. eine sexistische Sprache Ungleichheit transportiert wird und mit dem Hinweis auf Meinungsfreiheit („Das wird man ja noch sagen dürfen!“) als gerechtfertigt ausgegeben wird, solange sind Argumente notwendig. Auch interessant: "Männer sind und Frauen auch..." oder "Weil ich ein Mädchen bin?!"
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