Kommunikation der Macht: Der augenlose Cop

An einer kalifornischen Tankstelle in Kalifornien wurden wir Zeugen einer spannenden Szene. Wir hatten getankt und standen noch an der Zapfsäule ins Studium der Karten vertieft. Viel war nicht los an dem Tag in der Kleinstadt, die Tankstelle war mäßig besucht und so störten wir niemanden. Zudem standen wir unter dem Sonnendach der Tankstelle und waren nicht der dörrenden Hitze draußen ausgesetzt. Plötzlich bemerkten wir über den Kartenrand hinweg eine Bewegung auf der Straße. Ein großer und ziemlich klappriger Wagen steuerte langsam in den geräumigen Tankstellenhof, gefolgt von einem Polizeiwagen, in dem ein einzelner Cop saß. Die alte Klapperkiste wurde von einem jungen Mann mexikanischen Aussehens gesteuert, der aufgeregt wirkte und ziemlich nervös. Der Polizeiwagen rollte hinter ihm her, der Cop wirkte nicht nervös und hatte den vor ihm fahrenden Wagen fest im Blick. Das Fahrerfenster des Klapperkastens war heruntergekurbelt. Beide Wagen hielten kurz hinter einander – zum Glück in unserer Hörweite, da wir auch unser Autofenster geöffnet hatten. Zu tun als würden wir weiter die Karte studieren, war eine gute Tarnung, um ungestört beobachten zu können. Der junge Mexikaner war erkennbar am Rande eines Nervenzusammenbruchs, rutschte auf seinem Sitz hin und her, wobei seine Blicke nicht weniger unstet waren. Die Hände hielten das Lenkrad umklammert, was ihm wenigstens etwas Halt gab. Amerikaner wissen, dass man in dieser Situation auf keinen Fall ohne Aufforderungen den Wagen verlassen darf und die Hände am Lenkrad zu sein haben. Sonst gibt es richtigen körperlichen Ärger.

Den befürchtete der Cop nicht. Er kostete die Spannung seines Kunden aus und blieb erst noch ein wenig im Auto sitzen, rückte deutlich wahrnehmbar mit langsamen Bewegungen die Sonnenbrille zurecht und langte dann nach rechts auf dem Beifahrersitz, um seine Polizeimütze zu greifen. Im Aussteigen setzte er die langsam auf und als er neben seinem Wagen stand, rückte er mit einer entschlossenen Bewegung seinen Hosenbund zurecht und stellte den perfekten Sitz her. Das war zugleich – wenn wir hier schon interpretieren dürfen – ein Hinweis auf seine Bewaffnung (klar im Rückspiegel des vor ihm parkenden Wagens zu erkennen), die aber auch schon zuvor nicht zu übersehen gewesen war. Inzwischen warteten wir atemlos, wie die perfekte Inszenierung sich weiter entwickeln würde.

Der Cop setzte sich langsam in Bewegung, sehr bewusst, sehr aufrecht und baute sich vor dem offenen Fenster des vor ihm parkenden Wagens auf, hinter dem der junge Mexikaner immer stärker zitterte und noch unruhiger wurde. Das irritierte den Cop kein bisschen, er reckte sich und machte sich noch ein wenig größer, während der junger Mann am Lenkrad immer mehr zusammensackte. Der Cop war wirklich von beeindruckender Größe, selbst seine Schultern waren noch beträchtlich oberhalb des Wagendaches und seine breite Figur füllte sicher das gesamte Sichtfeld des anderen. Er stand nicht direkt vor dem Fenster, ca. einen Meter entfernt, so dass er gut sehen konnte und die Hand natürlich für eine schnelle Bewegung frei haben würde. So stand er und sah auf den jungen Mann herab. Der allerdings war jetzt nicht mehr zu sehen. Zwei breitbeinige Sekunden stand der Cop schweigend und schauend dort, oder vielleicht auch drei – nicht wirklich lange, aber selbst uns harmlosen Touristen kam es wie eine Ewigkeit war. Dann holte er zum entscheidenden Schlag aus, natürlich im übertragenen Sinne: „Good morning, Sir“, sagte er mit tiefer Stimme und in perfekter Artikulation – die lehrbuchartige Ansage mit Autoritätsstimme. „Your licence, please“, war die nächste Bitte in Befehlston nach einigen Sekunden des Schweigens oder der geflüsterten Antwort auf den Gruß. Damit endete für uns die Geschichte, denn jetzt wurde hinter uns gedrängelt und mit der Lichthupe unser Weiterfahren angemahnt. Um nicht auch vom Cop begrüßt zu werden, fuhren wir tatsächlich davon. Wir hatten genug gesehen.

Aber was genau konnten wir beobachten? Eine Inszenierung von unvergleichlicher Autorität zusammen mit der Forderung totaler Unterwerfung. Es „passierte“ nichts Schlimmes, kein grober oder gar offen aggressiver Ton wurde angeschlagen, keine laute Aufforderung oder gar ein böses Wort, kein Handgemenge. Nichts dergleichen geschah wirklich oder stand für die nächsten Augenblick zu befürchten. Natürlich würden dem jungen Mann sofort Handschellen angelegt werden, wenn eine Unregelmäßigkeit sich abzeichnete. Die Handschellen wären wahrscheinlich selbst dann nicht notwendig, aber sie gehören nun einmal zum Theater der Ordnungsmacht. Alles was geschah, spielte sich in den Köpfen der Beteiligten und der Zuschauer ab, Phantasien und Bilder wurden gezielt angesprochen und geschickt bedient.

Wir konnten eine perfekte Kommunikation der Macht beobachten.

Dazu gehörten die unterschiedlichen Handlungsgeschwindigkeiten von Cop und Mexikaner zur gleichen Zeit. Der eine in betonter Gelassenheit und Herrscher über die Zeit des anderen, der wiederum unruhig, fahrig und völlig ungewiss über seine nächste und weitere Zukunft. Der Höhenunterschied, der sich durch die langsame Entfaltung der Körpergrößte des Cops und das Zusammensacken des jungen Mannes noch steigerte. Die verschiedenen Lautstärken – der junge Mann grüßte sicher zurück, was aber nicht zu hören war. Alles das demonstrierte Macht pur – am meisten aber tat das die Augenlosigkeit des Cops.

Der Cop zeigte mit der Brille wie wenig persönliche Kommunikation hier interessierte und wie unwichtig sie war.

Die undurchsichtige Sonnenbrille ist ein wichtiges Requisit, vielleicht das wichtigste der amerikanischen Polizei. Selbstverständlich schützt sie vor der intensiven Sonnenstrahlung und hat somit einen praktischen Nutzen. Die Sonnenbrille schützt aber auch vor dem Impuls und dem Wunsch, auf die Blicke des anderen direkt zu reagieren. Sie ist ein Schutzschild, das die Un-Person des Cops anderen anzeigt und das ihm selbst erlaubt, sich von seinen eigenen Gefühlen in dieser Situation zu distanzieren. Nicht der Cop John Smith sah den jungen Mexikaner an, sondern die gesamte Polizeimacht des Staates Kalifornien. Der junge Mann hatte gar keine andere Wahl als das so zu empfinden. Der Cop zeigte mit der Brille wie wenig persönliche Kommunikation hier interessierte und wie unwichtig sie war. Ob sie auch ihm als Privatperson unwichtig war, stand nicht zur Debatte. Die undurchsichtige Brille gewährte einen klaren Blick auf die polizeilichen Prozesse, die checklistenartig ablaufen würden, korrekt, komplett und vollständig unpersönlich.

Die gelingende Kommunikation baut die Beziehung aus, die misslingende weist auf die Grenzen der schlechten Beziehung hin und eine gestörte Kommunikation geht immerhin vom Wunsch oder der Illusion aus, eine Beziehung könne sich anders entwickeln als sie es gerade tut.

Was dem Cop fehlte, was ihn nicht mehr der einzelne Mensch sein ließ, sondern zur ausführenden Funktion machte, war der Augenkontakt, deren Verschwinden er inszeniert hatte. Unausgesprochen war dem jungen Mann klar, wenn auch möglicherweise nicht sonderlich bewusst, der Cop musste Augen haben, welcher Cop hätte denn keine? Er fuhr Auto, also verfügte er über ein normales Sehvermögen. Wenn mit dem Morgengruß und der Frage nach dem Führerschein kein Augenkontakt mehr möglich war, dann wollte der Cop ihn nicht. Somit artikulierte er nicht nur seine eigene Un-Person und legitimierte seinen Rückzug auf die Funktionen, sondern sprach auch seinem Gegenüber die Fähigkeit ab, selbst für eine nur zufällige Kommunikation Gesprächspartner zu sein. Die Auflösung der anderen Person in einen bloßen Gegenstand obrigkeitlichen Handelns; stellt ein Extrem der Beziehungsverweigerung dar. Egal ob der Cop das wollte, es durfte oder durch seinen Auftrag sogar zu diesem Handeln gezwungen zu sein, spielte keine Rolle. Alle Kategorien der gelingenden, der misslingenden und der gestörten Kommunikation wurden durch das Auftreten des Cops zur Seite gewischt: Die gelingende Kommunikation baut die Beziehung aus, die misslingende weist auf die Grenzen der schlechten Beziehung hin und eine gestörte Kommunikation geht immerhin vom Wunsch oder der Illusion aus, eine Beziehung könne sich anders entwickeln als sie es gerade tut. In dem Machtspiel des Cops mit dem jungen Mann aber war noch nicht von Beziehungskommunikation die Rede, sie existierte hier einfach nicht. An ihre Stelle trat die reine Kommunikation der Macht.

Post Stats
  • 1347 words
  • 8608 characters
  • 439 s reading time
  • 673 s speaking time

You may also like

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.