„Männer sind, und Frauen auch…“

Wir haben etwas zu sagen: Es sind die leisen, doppeldeutigen und geleugneten Blicke und Worte, die uns stören.

Dieser Artikel ist als eine Vorbemerkung zu verstehen; eine Vorbemerkung, die es eigentlich gar nicht geben sollte. Deswegen ist sie besonders notwendig.

Objekt Mensch?

Wenn man, wie wir es tun, darüber schreibt, wie sich Menschen in beruflichen und geschäftlichen Situationen verhalten, bemerkt man schnell, dass die Menschen in einen Konflikt mit den Funktionen geraten, die sie ausführen sollen. Annemarie Meier ist als Person Annemarie Meier, als Funktionsträgerin in einem Unternehmen ist sie Controllerin. Mensch und Funktion sind nicht identisch. Frau Meier ist in jeden Fall, auch in Erfüllung  ihrer Funktion, mehr als die Funktion erfordert. In der Funktion ist sie vielleicht weniger als für die optimale Erfüllung der Funktion denk- und wünschbar ist. Frau Meier ist als Mitarbeiterin also immer ein Kompromiss. Damit bleibt etwas zu wünschen übrig. Unerfüllte Wünsche schaffen Unruhe. Menschen sind immer Unruhe- und Störfaktoren in allen ökonomisch-technischen Systemen. Man kann die Unruhe zu beruhigen versuchen, man kann die Störungen minimieren, es bleibt die Grundtatsache, dass die einzelnen Menschen das große Ineinander der Funktionen stören werden. Nicht in jedem Fall, aber doch oft genug. Menschen sind das Einzelne und Unberechenbare, Funktionen sind das Regelhafte, Kontrollier- und Planbare. Oder wie man heute sagen würde: Menschen sind analog, Funktionen sind digital.

„Frauenthemen“

Eine der störenden Analogien in Organisationen sind die „Frauenthemen“. Auch wenn es schwer fällt zu glauben, stellt schon der Begriff einen Fortschritt dar. Bis weit ins letzte Jahrhundert hinein, das für die meisten von uns zugleich immer noch „unser Jahrhundert“ ist, weil wir in ihm geprägt und erzogen wurden, tauchten Frauen wenn überhaupt, nur als Objekt auf. Sie waren da und irgendwie auch nicht, sie wurden versteckt und das auch noch sprachlich: man zog ihnen Hosen an und verbarg sie darin. Vom späten 18. Jahrhundert bis ins letzte hinein betrieb man das Versteckspiel mit der Wendung „die Herren Eltern“ – in Kafkas „Verwandlung“ benutzt jemand den Ausdruck, bei Tucholsky kommt er im Titel eines Gedichts vor und der Duden widmet ihm eine kleine Bemerkung. War Versteckspiel einmal nicht der Fall, dann wurden Frauen wahrscheinlich nicht erst genommen und man dedizierte ihnen eine „Damenrede“ – ein Firlefanz, der heute noch gelegentlich in besonderen Kreis aufgeführt wird.

Konnte man die Frauen nicht ignorieren oder lächerlich machen, weil sie das Essen kochten oder die Teller wuschen, wurden sie entsexualisiert und „das Mensch“ genannt.

Damit sind wir beim Thema. Beim „Frauenthema“ nämlich. Es kommt in drei Varianten vor. In der Einzahl ist es am wenigsten vertreten. Heute bekommt der Begriff meistens das Label „Gender“ aufgeklebt und ist damit für hochrangige Absichtserklärungen, Sonntagsreden und dem gelegentlichen Gespött frei gegeben. „Frauenthemen“ sind zunächst einmal ein Ausdruck der Männer. „Das sind ja mehr so Frauenthemen“, kann man gelegentlich hören, wenn es um die Gestaltung von zwischenmenschlichen Beziehungen und von Blumenarrangements geht. Passenderweise findet sich dann oft auch noch eine Frau, die ein Väschen mit Nelken auf den Tisch platziert.

„Frauenthemen“ geben sich auch manchmal als Themen aus, die Frauen angeblich untereinander haben, wenn Männer nicht dabei sind. Der Grundton dieser Themen ist rosa oder pink. Schaut man sich mit den rosanen und pinken Prinzessinnenfarben als Wegweiser in Buchläden und auf den entsprechenden Websites um (es gibt tatsächlich eine Website: http://pink.com/ – ein echter Volltreffer), erkennt man schnell die echten Frauenthemen: Keuschheit, Kinder, Kosmetik, Küche, Küssen, Cunnilingus.

Wohlgemerkt: Wir sind noch immer bei der Vorbemerkung, wir schreiben immer noch über ein Thema, über das man eigentlich nicht schreiben muss.

Dann aber hier läuft doch etwas falsch? Vielleicht weil „man“ hier in diesem Blog nicht einfach schreibt, sondern weil eine Frau und ein Mann den Text zusammen schreiben?

Im beruflichen Zusammenhang sind Gespräche anders, wenn keine Frauen dabei sind – Männer verändern geringfügig aber entscheidend ihr Kommunikationsverhalten, wenn Frauen am Horizont der Besprechung auftauchen. Für Frauen gilt das Gleiche, allerdings mit einem deutlich anderen Vorzeichen. Die Verhaltensänderungen gehen aber meist in so entgegengesetzt unterschiedliche Richtungen, dass eine Begegnung unmöglich, ein Treffen unwahrscheinlich ist.

In der Arbeitspause, zwischen den Kongressworkshops, bei einer großen Besprechung – überall dort erzählen Männer normalerweise keine Schenkelklopfer mehr, sie führen sich gesitteter auf und bieten Frauen einen Platz an. Es gibt keine versteckt geäußerten Anzüglichkeiten mehr und keine endmündigende Fürsorge – immerhin können die meisten Frauen heute schon Flaschen mit Drehverschlüssen öffnen.

Drei Faktoren sind es, die subtil, ganz subtil die Dinge schlimm machen: es sind schweigsam und wirksam die Blicke, die Männer auf Frauen werfen und dann untereinander austauschen – wir haben ja nichts gesagt und schauen wird man noch dürfen. Dann ist es das teilweise schlechte und rüde Benehmen Frauen gegenüber, das Männer als Ihren Anteil an der Frauenemanzipation reklamieren und schließlich eine Art von öffentlicher Ironie, mit der Männer von Frauen die Einhaltung der Gleichberechtigung fordern. Wenn Männer Frauen den Vortritt lassen, sollte man schauen, ob sie nicht etwas hinter dem Rücken der Frauen anstellen – und zwar zum Nachteil der Frauen.

 

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