Schauplätze der Körpersprache: Gesten

Wahrnehmung, Interpretation und Wertung sind die drei Fäden, an denen unsere Kommunikation hängt.

Seit zwei Minuten sollte der junge Herr Meier im Büro des Personalchefs beim Vorstellungsgespräch sein. Jetzt sitzt er immer noch hier im Vorzimmer bei der Sekretärin, die ihn aus dem Augenwinkel heraus im Blick haben kann. Vielleicht ist sie eingeweiht in das Spiel, davon hat er schon munkeln hören. Ihm ist nicht wohl, er ist nervös und die etwas feuchte rechte Hand fährt häufiger am Oberschenkel entlang als  dass es ein Zufall sein könnte. Er reckt die leicht zusammengesunkenen Schultern, aber vorsichtig, niemand soll es sehen. Jetzt schlägt er die Beine übereinander, um überhaupt etwas zu tun. Doch halt: er setzt sie im gleichen Moment wieder nebeneinander. Auf jeden Fall vermeidet er möglichst den Blickkontakt zur Sekretärin.

Zu gleichen Zeit sitzt zwei Stockwerke darüber Frau Dr. Schmidt ebenfalls in einem Vorzimmer bei der Sekretärin und wartet. Jetzt sind wir im Stockwerk der Unternehmensleitung, Frau Dr. Schmidt ist Juristin und soll dem Vorstandsvorsitzenden Lösungsvorschläge für eine etwas knifflige Geschichte unterbreiten. Auch sie sieht, dass der ausgemachte Termin bereits um zwei Minuten verstrichen ist. Sie hat die Entschuldigung der Sekretärin vernommen, sich bitte noch etwas zu gedulden, man habe gleich Zeit für sie. Sie sitzt auf dem Stuhl als sei sie auf dem Sprung, was sie ja auch ist und schaut immer wieder auf die Uhr. Sie achtet sie, dass die Sekretärin ihre Ungeduld wahrnimmt, sie sucht den kurzen Blickkontakt, um eine missbilligende Miene zu platzieren und zieht sicht- und hörbar ihr Notebook aus der Tasche.

Auf den ersten Blick zwei ähnliche Situationen, auf den zweiten grundverschiedene Motivationen.

Zwei einander ganz ähnliche Situationen, in denen Menschen erkennbar ungeduldig warten. Beide empfinden die Anspannung der Situation und wollen sie so schnell als möglich beendet wissen. Damit endet die Ähnlichkeit, denn sie befinden sich in völlig unterschiedlichen Kommunikationssituationen: Frau Dr. Schmidt möchte, dass sie in ihrer Ungeduld von der Sekretärin wahrgenommen wird, Herr Meier versucht genau das zu vermeiden.

Wir treffen einmal auf Kommunikationssignale, die man wahrnehmen kann (Herr Meier) und einmal auf Signale, die jemand wahrnehmen soll (Dr. Schmidt). Einmal sehen wir den Wunsch nicht wahrgenommen zu werden und dann wieder sein genaues Gegenteil.

Fraglich ist, ob es sich bei den Äußerungen von Herrn Meier überhaupt um Kommunikation handelt, weil sie nicht absichtlich, nicht intentional ist. Aus der Antwort auf diese Frage kommt auch die Beantwortung der nächsten, warum die Unterscheidung überhaupt von Interesse sein kann.

Jede Geste und jedes beobachtete Verhalten wird interpretiert und gewertet. Dem Gast im Biergarten mag es völlig gleichgültig sein, ob wir ihn beobachten, aber wir suchen ein Verhalten zu verstehen und zu interpretieren. Sehen wir Schweiß auf seiner Stirn und sein schnelles Trinken, interpretieren wir Durst als Beweggrund. Wir liegen damit wahrscheinlich richtig, besonders an heißen Sommertagen.

Durch die Beobachtung und Interpretation haben wir etwas über den Biergartenbesucher erfahren. Keine wirklich spektakuläre neue Einsicht. Im Sommer sind Menschen im Biergarten meistens durstig. Es kommt aber jetzt auch nicht darauf an, ob die Einsicht spektakulär ist, sondern erst nur, dass wir etwas über den anderen Menschen erfahren. Das tun wir laufend, immer wenn wir Menschen beobachten können.

Als Erwachsene haben wir die Interesselosigkeit zur Gewohnheit gemacht.

Interpretieren wir immer? Der Begriff der Interpretation ist schon viel zu aufwändig für das, was in den meisten Situationen ganz unaufgeregt festzustellen ist: alles in Ordnung – alles ist für so, wie es in der Situation zu erwarten ist. Dann kann die Begebenheit aus der Aufmerksamkeit genommen und vergessen werden. Schauen wir noch einmal im Biergarten vorbei: der trinkende und schwitzende Mensch mit dem teuren Tourenrad neben sich entspricht genau unseren Erwartungen, die aus unseren Erfahrungen entstehen. Wie aber wäre es, wenn der schwitzende Mensch ein volles Glas vor sich hat, nichts trinkt aber auch sonst nichts unternimmt? Das muss nicht, aber es kann uns auffallen. Wir schauen ein zweites Mal hin und sehen immer noch das volle Glas, das auch beim dritten Hinschauen nicht leerer ist. Was ist dort los? Es passt nicht zu unseren Erwartungen und Erfahrungen. Wir suchen nach einer Erklärung, nach Hinweisen, wie die ungewohnte Situation verstanden und interpretiert werden kann.

Fragende Kinder maßregelt man bei offener Beobachtung und erstaunten Nachfragen oft mit dem Befehl, nicht so neugierig zu sein. Als Erwachsene haben wir die Interesselosigkeit zur Gewohnheit gemacht.

Führt die Interpretation zur Wertung? Kann es nicht bei der befriedigten Neugierde bleiben? Gehen wir noch einmal in den Biergarten und schauen genau hin: der schwitzende Gast trinkt ein Weizenbier und zwar in ziemlichem Tempo. Er hat Durst, das interpretieren wir und verstehen es auch gleich, denn bei den Temperaturen und eventuell nach einer Radtour ist Durst ganz „normal“ und nicht „außergewöhnlich“.

Wahrnehmung, Interpretation und Wertung

„Außergewöhnlich“ allerdings das Etikett, das auf folgende Szene kleben kann. In der Süßwarenabteilung eines gut geführten Kaufhauses stand ein seriöser älterer Herr vor einem Regal, öffnete die eine oder andere Verpackung von Süßigkeiten und begann den Inhalt genussvoll zu verspeisen. Ganz konzentriert bei der Sache, scherte er sich um niemanden. Er sah nicht die Verkäuferin an der Kasse, die den älteren Herrn und sein Tun plötzlich gewahrte und verwirrt zu beobachten begann. Sie winkte eine andere Verkäuferin hinzu und begann leise, aber aufgeregt und auf den Genießer zeigend, mit ihr zu tuscheln. Beiden schien die Situation offensichtlich nicht normal zu sein. Sie sahen nicht das vertraute Bild des clandestin klauenden Ladendiebes, aber auch nicht das gewohnte Gemälde des freudigen Genießers. Sie sahen etwas „Außergewöhnliches“. So außergewöhnlich war das Gesehene, dass die Kassiererin die Kasse schloss und sie zu zweit zu dem immer noch kauenden und lutschenden Herrn älteren Herrn gingen, der sie ohne sich zu unterbrechen, mit einem Kopfnicken ansah. Sie fragte ihn aufgeregt, was er dort mache und dass er nicht die Packungen so einfach öffnen könne. Das müsse er alles zahlen. Natürlich erwiderte der ältere Herr, das wolle er auch tun und er probiere überhaupt nur, um mehrere Pakete zu kaufen, wenn ihm etwas besonders gut schmecke. Er komme nämlich nicht oft hierher. Die Verkäuferinnen begleiteten ihn nach der Erklärung deutlich erleichtert zur Kasse, schüttelten aber nach seinem Verschwinden einvernehmlich mit dem Kopf: „Ein Spinner mehr“ – aber die Normalität war wieder hergestellt.

Was bleibt?

Wahrnehmung, Interpretation und Wertung sind drei Knoten im kontinuierlichen Faden unserer Kommunikation, die so mit unserer Lebensführung verbunden und alltäglich sind, dass wir sie kaum je wahrnehmen. Die Fäden, die wir auf diese Weise knüpfen, sind vielleicht kurz und zerfallen rasch, sind schnell vergessen. Es sei denn, sie werden in den gleichen Situationen und mit demselben Menschen immer wieder geknüpft. Dann entstehen Beziehungen, die uns wichtig werden. Wir knüpfen mehrere dieser Fäden zur gleichen Zeit und zwar auf unterschiedlichen Stufen der Beachtung, die wir den Vorgängen schenken. Damit knüpfen wir Beziehungen und Netzwerke.

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