Vom Keim unserer Gespräche

Warum verstehen sich manche Menschen ohne große Worte und was können wir für wichtige Gespräche daraus lernen? Vom Suchen und Finden von Gemeinsamkeiten.

Bereits vor ein paar Wochen hatten wir es von den vier Ohren, heute die Fortsetzung (Vier Ohren I): Wir brauchen Geschichten und Bilder um zu erkennen und zu verstehen. Deswegen schauen wir uns die Geschichte von Sara und Paul an.

Beide leben seit fast vierzig Jahren zusammen. Beide kennen die Vorteile eines gut organisierten Alltags, um Zeit für die spannenden Dinge zu haben. Ihre Freunde bezeichnen sie als ein gut aufeinander eingespieltes Paar. Sie würden dieser Aussage nicht widersprechen, denn sie wissen, dass Gewohnheiten und Rituale das Geschäft der Gemeinsamkeit sehr erleichtern. Sie sind gewohnt, die Dinge miteinander zu besprechen, wobei das Gespräch über andere Menschen, über Freunde, Kollegen, Geschäftspartner und die Familie den größten Raum einnimmt. Das Ergebnis ist eine hoch verdichtete Kommunikation, die es erlaubt, in einigen wenigen Sätzen und Andeutungen Situationen anzusprechen und zu klären, für die sie selbst früher noch Stunden brauchten. Natürlich herrscht zwischen den beiden nicht immer eitler Sonnenschein - dann dauert die Klärung länger oder gelingt nur unbefriedigend, weil beide natürlich ihre Lieblingsfehler begehen, die ihnen der andere ebenso natürlich vorhält.

Rituale und Gewohnheiten erleichtern das Geschäft der Gemeinsamkeit

Beide haben es sich zur Angewohnheit gemacht, am Sonntag nach dem Frühstück die Termine der nächsten Woche und die deswegen nötigen Planungen zu besprechen. Wenn die Terminkalender zur Seite gelegt sind, kommen die längerfristigen Themen zur Sprache. So war es auch in diesem Jahr zwei oder drei Wochen nach Karneval an einem grauen Spätwintertag. Beide hatten das Gastgeschenk besprochen, welches sie am nächsten Samstag zu einer Essenseinladung mitnehmen wollten und wandten sich anderen Themen zu.

Sara sagte mit einem Blick aus dem Fenster: „Ich war neulich im Keller…“ Sie ließ den Satz offen und Paul nahm nach zwei oder drei Sekunden den Faden auf: „… okay, bis Ostern.“ Er formulierte es etwas zwischen einer Frage und einer Aussage. Sara nickte und fragte, ob noch Kaffee in der Kanne sei.

Gespräche mit Geheimsprache?

Welcher Szene haben wir da beigewohnt? Welche Geheimsprache wurde gesprochen? Vielleicht gar keine, denn wenn wir in Seminaren dieses Beispiel erzählen, lachen die Frauen und nicken die Männer: „Kennen Sie meine Frau?“ Sie wissen es längst oder ahnen es zumindest. In den acht Worten zwischen Sara und Paul wurde der mehr oder weniger zugerümpelte Keller angesprochen, verbunden mit der Bitte, ihn aufzuräumen, worauf Paul nicht nur zustimmte, die Aufgabe zu erledigen, sondern das bis Ostern zu tun. Saras Schweigen und Frage nach dem Kaffee war die Zustimmung - Thema erledigt; bitte jetzt noch einen Kaffee.

Wir brauchen viel länger, um die Themen, Mechanismen und Bedingungen zu verstehen, die hier zur Sprache kamen und ihre Wirkung taten. Weil wir irgendwo anfangen müssen, fangen wir beim Gang in den Keller an.

Sara behauptet, neulich im Keller gewesen zu sein. Vielleicht stimmt das, vielleicht auch nicht und die Floskel ist nur rhetorisch, ein Ritual möglicherweise, mit dem in jedem Frühjahr die Planung des Projekts „Frühjahrsaufräumen im Keller“ gestartet wird. Sie erwähnt keine Details, gibt keine ausgemalte Beschreibung wie schrecklich unaufgeräumt der Keller war und immer noch ist. Was Sara hier zum Thema macht und womit sie dem Gespräch eine Richtung weist, ist der Keller und sein Zustand. Sie nennt ein Thema, weil das Gespräch ein Thema braucht. Es geht um einen Gesprächsgegenstand, etwas das einen Namen oder einen Begriff hat – mal enger, mal weiter.

Das Thema selbst kann in einigen Gesprächen wichtig sein, etwas in einer Gerichtsverhandlung, wenn über eine Tatwaffe gesprochen wird oder völlig unwichtig, wie in Goethes Gedicht „An den Mond“, in dem es auf gar keinen Fall um ein astronomisches Thema geht.

Was bleibt?

In jeder Kommunikation gibt es ein Thema, eine Sache, die Gegenstand des Gesprächs ist und das wie ein Keim wirkt: alle anderen Aspekte und Gesprächsthemen lagern sich um das Thema herum. Diese Keime sind nicht immer so einfach zu erkennen, wie der unordentliche Keller, besonders in Konfliktsituationen kann das Thema verdeckt unter allerhand anderer Gesprochenen sein. Lösung liegt oft im behutsamen Suchen und Finden des eigentlichen Themas.

Post Stats
  • 731 words
  • 4557 characters
  • 238 s reading time
  • 365 s speaking time

You may also like

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.