Weil ich ein Mädchen bin?!

Emanzipation, Gleichberechtigung

Es liegt schon ein paar Tage zurück, dass ich mit dem Auto unterwegs war - es war Faschingsdienstag. Das Radio liefert bereits Mittags den Verkleidungswütigen die Musik zum Feiern. Als die Lautsprecher „Weil ich ein Mädchen bin“ von sich gaben, ertappe ich mich beim Summen. Vor meinem inneren Auge sehe ich Frauen, die sich in den Armen liegen und mit grölen. Ich lächle, nicht auszuschließen, dass ich auch schon mal zu einer solchen Gruppe gehörte. Doch dann verändert sich mein Bauchgefühl, er grummelt als würde er mich fragen, ob ich das heute wirklich noch mitsingen möchte.

Die Band besingt, was sie meinte sagen zu müssen: Weil Mädchen Mädchen sind, gewinnen sie und stehen auf der Sonnenseite des Lebens. Was sie gewinnen?

Die Band „Lucilectri“ landete 1994 mit ihrem Song „Mädchen“ den Hit, immerhin besetzten sie 23 Wochen Platz 2 der Charts. Die Band besingt, was sie meinte sagen zu müssen: Weil Mädchen Mädchen sind, gewinnen sie und stehen auf der Sonnenseite des Lebens. Was sie gewinnen? Der Song bleibt hier unklar. Am ehesten besingen sie wohl den Kampf um Aufmerksamkeit und Status zwischen Frauen und Männern. Der Mann ist dabei der, der sich unterzuordnen hat, zu schwitzen und zu hoffen, dass er gefällt. Ohne Wiederrede hat er sich um die Frau zu bemühen - und zu zahlen. Letzteres gestehen die Sängerinnen den Männern dann doch noch zu.

Der Text liest sich wie ein Ratgeber der 50er Jahre für die gute Hausfrau, nur sind die Rollen vertauscht.

Der Spiegel nennt die neuen „Mädchen“ 1994 die Postfeministinnen der Popkultur, die mit den Frauen der Emanzipation nicht viel gemeinsam haben wollen. Viel zu anstrengend sei das, was mit dem Begriff der "emanzipierten Frau“ verbunden wird. Die Ungleichheit gesellschaftlicher Anerkennung von Frauen und Männern möchten die Girlies nicht aufheben, sie drehen sie einfach um - wollen als „bad girls“ die Rolle der Männer einnehmen (oder das was sie dafür halten). Sie möchten genau die Anteile übernehmen, die ihnen Spaß versprechen.

Natürlich werden die Mädchen kritisch beäugt, nicht nur von Männern, auch von den Feministinnen der 70er Jahre. Sie kämpften immerhin für gleichen Lohn und gleiche Aufstiegschancen, diese Aspekte waren aber nicht mehr wichtig. Viel mehr fühlt es sich an, als würden sich persönliche Verletztheit durch Benachteiligung, Ignoranz und Unterdrückung der letzten 100 Jahre ihren Weg suchen, der Trotz und Gegenverletzung heißt. Irgendwie ist der Prozess zu erklären, aber war er konstruktiv?

Was ist eigentlich konstruktiv, wenn es um Ungleichheit von Männern und Frauen geht.

Konstruktiv ist, was nachhaltig positive Veränderung schafft. Ein Teufelskreis wird sich der ein oder andere nun denken, wo bitte schafft Emanzipation von Frauen für Männer positive Veränderungen? Und wir können den Gedankengang verstehen, denn zeitweise hat man wirklich das Gefühl, dass im Kampf um Frauenrechte Männer wie Hunde vom Hof gejagt werden.

Unsere Perspektive auf Emanzipation ist von den großen Antworten der Soziologie und Biologie geprägt. Diese erklären uns die verfahrene Situation anhand von Rollentheorien und Sozialisation.  Allerdings stellen wir uns die Frage, ob es uns im Alltag hilft, zu wissen, dass der Mann arbeitet und Frauen Kinder hüten, weil die einen zu Weihnachten den Werkzeugkasten, die anderen die Puppe geschenkt bekommen haben? Eher nicht.

Uns würde es helfen in einer Gesellschaft zu leben, die sich holt was sie braucht, von dem der es abgeben möchte - die Mut belohnt, sich authentisch zu zeigen.

Uns würde es helfen in einer Gesellschaft zu leben, die nicht fragt, ob sie oder er das kann, darf oder sollte, weil sie eine Frau und er ein Mann ist. Sondern die sich holt was sie braucht, von der Person, die es liefern möchte. Das ist nicht leicht, denn dafür muss erst einmal jede(r) Einzelne wissen was er braucht und was er geben möchte.

Nur knapp ein Jahr nach Lucilectri singen die Ärzte Gewalt erzeugt Gegengewalt. Vielleicht war es nicht gewollt, aber scheint wie eine imaginäre Antwort auf die provozierende Art der Girlies. Vielleicht löste dieser Aspekt auch mein Bauchgrummeln am Faschingsdienstag aus. Können wir Frauen und Männer es heute nicht besser? Können wir nicht mehr als Geschlechterstereotype bestätigen und selbige am Leben erhalten? Es ist zu einfach seinen Erfolg im Geschlecht zu begründen. Diese Oberflächlichkeit muss Personen des Gegengeschlechts (und die, die sich diesen verpflichtet fühlen) provozieren. Und diese Strategie hat bei den Männern die letzten 100 Jahre schon nicht funktioniert.

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