Zweite Chance für den ersten Eindruck?

Blitzschnell setzt unser Gehirn aus vier verschiedenen beobachtbaren Dimensionen die Informationen zusammen. die wir als ersten Eindruck abspeichern.

Bereits vor ein paar Tagen haben wir über den ersten Eindruck geschrieben (quick and dirty). Heute fragen wir uns, hat der erste Eindruck wirklich keine zweite Chance? Ist er wirklich endgültig? Dafür schauen wir uns jene Aspekte genauer an, die für uns den ersten Ausdruck entscheidend beeinflussen.

Präsenz:

Es gibt Menschen, die im wörtlichen und übertragenen Sinne eine raumgreifende Präsenz haben. Man spricht hier vom Charisma einer Person, einer Ausstrahlung und Wirkung auf andere, die sich kaum beschreiben lässt. Nach Max Weber ist der Handlungsspielraum des Charismatikers die Ausnahmesituation, also ein Bereich, in dem die gewöhnlichen kulturellen und sonstigen Bedingungen nicht mehr in der gewohnten Weise wirksam sind. Anders gesagt schafft die charismatische Person selbst die Bedingungen, in denen ihre Ausstrahlung zur Geltung kommt. Im Gegensatz zu Menschen, in denen sich das andere Extrem verkörpert, die unsichtbar und wirkungslos vorbeiziehen, haben charismatische Personen eine Ausstrahlung, die andere einnimmt.

Sie schaffen für sich und alle anderen eine Atmosphäre, in der ihre Ausstrahlung, entsprechend ihrer Vorstellung zur Geltung kommt. Gleich wie es Astrid Lindgrens rothaariges Mädchen hält, drehen charismatische Menschen ihre Welt, wie sie ihnen gefällt. Sie setzten sich sonst gültige Bedingungen und Regeln hinweg, indem sie ihre eigenen schaffen. Sie wirken auf ihr Umfeld ein und fordern – ohne, dass es zwingend erkannt wird – eine entsprechende Reaktion ihres Gegenübers – ähnlich wie in einem Reiz-Reaktionsschema.

Körpersprachlich und konkret werdend können wir beobachten, wie sich der beobachtete Mensch bewegt, welchen Raum er für sich einnimmt, wie weit seine Gesten und Bewegungen deuten und wie laut er oder sie ist. Wir können beobachten, welche Reaktionen seine Bezugnahme auf andere Menschen auslöst. Wir machten einmal folgende Beobachtung: Bei einer Veranstaltung standen drei Personen zusammen. Einer von ihnen, der bislang geschwiegen hatte, begann zu reden, woraufhin ein anderer Gast sich aus seiner etwas entfernter stehenden Gruppe löste, um hinzuzutreten und zuzuhören. Hier muss man wohl von einer hohen Präsenz des Redners sprechen.

Interesse:

Während wir die Präsenz eines Menschen schon aus beträchtlicher Entfernung wahrnehmen können, braucht die Feststellung des Interesses an unserer Person eine größere Nähe. Interesse an unserer Person bedeutet auf einer ganz simplen und technischen Ebene, wie viel Zeit und Energie ist jemand bereit, für eine andere Person aufzuwenden. Das hat etwas von einer arithmetischen Gleichung und auf der technischen Ebene stimmt das auch erst einmal. Wenn mir jemand vier Minuten zuhört, hat diese Person offensichtlich an mir mehr Interesse als wenn er einem anderen Menschen nur zwei Minuten zuhört. Ob dann allerdings das doppelte Interesse vorliegt, lässt sich mit der arithmetischen Gleichung nicht mehr sagen, weil die Qualität des Interesses ins Spiel kommt. Der Aspekt des Interesses ist wahrscheinlich der mit den meisten Anzeichen. Auf der körpersprachlichen Ebene sind das die hergestellte Nähe, die Symmetrie oder Asymmetrie der Bewegungen und Körperhaltungen, Handlungen zur Bestätigung (der eine trinkt aus seinem Glas, dann tut das gleiche der andere) usw. Die Indikatoren setzen sich auf der Gesprächsebene fort, als Beispiel seien hier nur genannt das Eingehen auf Äußerungen, Wiederholungen des Gesagten, Anknüpfen an zuvor gesagtes usw.

Anspannung:

Die Spannung oder Anspannung eines anderen Menschen zu beachten, ist möglicherweise der am meisten vernachlässigte Bereich der Körpersprache, vielleicht weil er auch am schwersten zu erkennen ist. Mit Anspannung meinen wir hier den Muskeltonus und zwar nicht nur eines Muskels oder der des ganzen Körpers. Indikatoren dafür sind kraftvolle und energische Bewegungen, zum Beispiel das Wegwischen von Kuchenkrümel mit dem Handrücken. Dabei ist wieder nicht entscheidend, ob die Bewegungen groß angelegt und deutlich wahrnehmbar sind oder mehr klein und fast symbolhaft. Ein anderer wichtiger Indikator ist die gesamte Haltung des Körpers. Ein angespannter, durchgedrückter Rücken kann auf eine gesamte Anspannung genau hindeuten, wie es „eckige“ Bewegungen sind, die wir als Anspannung wahrnehmen, weil ihnen die Geschmeidigkeit fehlt.

Distanz:

Ein bekanntes Thema des Gesprächs über Körpersprache ist der Gegensatz vom aufdringlichen Süd- und der distanzierten Nordeuropäer. Wir haben hier es hier mit einem kulturell bedingten Grundmuster im allgemeinen Distanzverhalten zu tun, das natürlich situative und individuelle Unterschiede zulässt. In einem übertragenen Sinne sprechen wir von der Distanz, wenn jemand zu einer Situation auf Distanz bleibt, sich also nicht engagiert oder im Gegenteil, wenn jemand persönliche Schutzregeln oder akzeptierte Tabus verletzt. An diesen drei einfachen Beispielen wird bereits die Vieldeutigkeit der Distanz klar. Die Vieldeutigkeit wird vermehrt, wenn noch berücksichtigt wird, wann, wie und in welchem Maße Distanz hergestellt wird. Wird sie nur durch ein leichtes Neigen oder Schieflegen des Kopfes quasi symbolhaft angedeutet (die gemeinsame Blickachse wird verlassen) oder tritt jemand mit dem vollen Körper einen halben Schritt zurück.

An die Herstellung der jeweils eingenommenen Distanz sind die Aspekte von Präsenz, Interesse und Anspannung beteiligt. Die Beobachtung der Distanz ist also eine gute Kontrollinstanz für die Beobachtungen dieser Aspekte.

Hier kommt eine Dimension ins Spiel, die wir Kongruenz oder Stimmigkeit des Verhaltens nennen. Auch wenn wir in der Beobachtung die gerade beschriebenen vier Aspekte unterscheiden können, erleben wir sie als eine Situation, in der es darauf ankommt, ob das Verhalten des anderen Menschen für uns „passend“, „harmonisch“ oder „stimmig“ ist. Der einzige Gradmesser, hier zu einer Entscheidung zu kommen, ist das eigene Empfinden. Ein Beispiel mag das verdeutlichen. In den USA hatten wir über lange Zeit ein Gefühl, dass etwas „nicht stimme“, wenn wir etwas an einer Ladentheke kauften, also Geld und Ware direkt gewechselt wurden. Nach einiger Zeit erkannten wir, was nicht „stimmte“: in Deutschland verhalten wir uns nach dem Grundsatz „erst die Ware, dann das Geld“, in den USA ist es umgekehrt. Der Unterschied lag in der kleinen Geste des Verkäufers oder der Verkäuferin, mit der die Ware sofort in den Zugriffsbereich des Käufers geschoben wird (Deutschland), oder erst nachdem der Käufer das Geld in ihren oder seinen Zugriffsbereich (USA) geschoben hat. Nachdem klar wurde, wie es funktioniert, löste sich das Unbehagen auf – der Verdacht, es könne etwas an der persönlichen Beziehung nicht passen, wurde in den Bereich der akzeptablen kulturellen Unterschiede verschoben. Damit war das Verhalten an der Verkaufstheke wieder „stimmig“.

Soweit die erste Ebene der Wahrnehmung und Einordnung des Verhaltens und der Körpersprache des anderen. Auf dieser Ebene ist allerdings die Frage noch nicht beantwortet, wie wir die gewonnenen Informationen und Einsichten weiter verarbeiten.

Was bleibt?

Während der ersten Begegnung spielt sich mit hohem Tempo eine Einschätzung des Gegenübers ab. Unser Unterbewusstsein bewertet die Präsenz, die Anspannung, das Interesse und schließlich auch die Stimmigkeit des Gegenübers. Es liefert uns ein Ergebnis, das alle vier Aspekte vereint und uns erlaubt, ein vollständiges Bild unseres Gegenübers abzuspeichern. Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance, aber wir wissen jetzt welche Kriterien eine Rolle dabei spielen – wir erkennen unsere Beurteilungsmuster. Und wer Muster erkennt, kann reflektieren, wer reflektiert, kann verändern. Irgendwie gibt es also doch eine zweite Chance.

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